Auf der Suche nach dem
"Zimmer mit Aussicht"
Die Entstehungsgeschichte des Nino-Kalenders
2007
Es war wie im Wartebereich vor dem
Kreißsaal: Ein weißgestrichenes Büro in einer Druckerei
in Südoldenburg, drei Stühle, ein Schreibtisch... „Bitte nehmen
Sie hier Platz, Sie werden gleich bedient“... Hier saß ich also,
guckte auf ein Plakat, auf dem Druckmedien und -papier in verschiedenen
Formen und Größen angepriesen wurden, einen Kalender, dessen
rotumrandetes Schiebefensterchen auf der 15 stand und eine Uhr, deren Zeiger
so ca. 15.20 Uhr anzeigten. Hier saß ich also und wartete... musterte
einen Plexiglasständer, in dem ein paar Prospekte und ein Kugelschreiber
standen, entdeckte ein großes „a“ aus blauem Plastik auf einem Schrank,
eine bedruckte Fahne von einer Bauausstellung... und wartete. So ähnlich
muß es früher auch den werdenden Vätern gegangen sein,
als es ihnen noch nicht erlaubt war, live bei der Geburt ihres Kindes dabei
zu sein.
Mit Spannung guckte ich immer wieder
auf die weiße Bürotür, bis sich endlich der Drücker
bewegte und eine nette Frau hereinkam und strahlte. Da war es also, mein
„Baby“!
Der Moment ist sicherlich vergleichbar
mit dem allerersten Hören einer neuen Nino-CD, dem andächtigen
Lauschen auf jeden Ton und jede Silbe, das bitte niemand stören möge.
– Nur daß ich diesmal in den Werdegang eingreifen und ihn sogar aktiv
gestalten konnte. Das war neu für mich.
Was diese nette Frau mir hier auf
den Tisch legte, war das Ergebnis eines langen Prozesses, bei dem ich manchen
Schweißtropfen verloren hatte. Und es war gleichzeitig die Erfüllung
eines Traumes, von dem ich nie geglaubt hätte, daß er sich eines
Tages verwirklichen könnte.
Vor mir lag der allererste für
die Öffentlichkeit bestimmte Nino-Kalender – und ich hatte die Fotos
gemacht! Ich konnte es immer noch kaum glauben. Toll sah er aus, besser
als ich je zu träumen gewagt hatte. Auf dem Titelbild konnte man jede
Wimper erkennen, jede Pore der Haut und jede Masche im Pullover. Eilig
blätterte ich ihn durch. Ja, den würde selbst ich mir an die
Wand hängen...
Ich klopfte mir noch schnell innerlich
auf die Schulter und begann dann sofort mit meiner Bastelarbeit. Möglichst
viele der bereits vorbestellten Kalender sollten sofort ihren Empfängern
zugestellt werden. Wie ein Weltmeister schnitt ich Klebestreifen, legte
Kalender zwischen zwei recycelte Pappen und schrieb Adressen. Eilends sauste
ich dann zur Hauptpost nach Oldenburg, damit sie möglichst noch am
selben Tag abgeholt wurden – und verließ gegen 17.27 Uhr erleichtert
und erfreut das Gebäude. Nun waren die Postangestellten an der Reihe.
Ich hatte meine Arbeit getan. Wirklich ein tolles Gefühl!
Wenn mir das vor einem Jahr jemand
vorhergesagt hätte, ich glaube, ich hätte ihn für total
verrückt gehalten. So eine abwegige Idee... Aber manchmal verläuft
das Leben auf einmal völlig anders. Wege, die man jahrelang für
selbstverständlich gehalten hatte, enden plötzlich in einer Sackgasse.
Und andere, von deren Existenz man kurz vorher noch nicht einmal etwas
geahnt hat, sind auf einmal so etwas wie die Überholspur auf der Autobahn...
Vor einem Jahr habe ich mich selbst
wegen akuter, übelster Depressionen in die Klinik einliefern lassen.
Die Lehrerin Heide Pinkall und ich – das waren zwei Personen, die fast
gar nichts miteinander zu tun hatten. Es war so, als wäre ich die
ganze Zeit in Schuhen von unpassender Größe herumgelaufen und
hätte mich auch noch gewundert, daß es weh tut und daß
ich falle... Nur hatte ich das bisher hervorragend zu ignorieren verstanden
und die Füße versucht, den Schuhe anzupassen – bis es nicht
mehr ging und mein Körper Alarm geschlagen hat. Sollte ich weiter
versuchen, die Lehrerin zu sein, die ich nicht bin, würde ich mich
in schöner Regelmäßigkeit wieder in die Klinik einweisen
lassen können – wozu ich natürlich wenig Lust hatte. Damit stand
ich also auf einmal in der Sackgasse und mußte nach dem Ausweg suchen
– also diesmal nach Schuhen, die zu mir passen – nicht wieder nach Füßen,
die zu den Schuhen passen... Nichts von der Stange, sondern eine Maßanfertigung.
Diese Maßanfertigung hat jetzt
die Nummer 2260359059 und wurde am 18.08.2006 in Oldenburg in die Handwerksrolle
eingetragen. Ich arbeite jetzt also nicht mehr als Lehrerin, sondern als
selbständige Fotografin oder besser „Fotokünstlerin“.
Mein erstes „Baby“ hieß „Venedig
und der Karneval“ und war eine Ausstellung im Foyer der Nordwest-Zeitung
in Oldenburg. Da die beim Publikum sehr gut ankam, kam ich eines Tages
auf die Idee, mit diesen Bildern einen Kalender zu gestalten und herauszugeben.
Gesagt getan. Mein Erstlingswerk erschien am 9. Oktober.
Und als ich damit beschäftigt
war und mich mit entsprechenden Angeboten von Druckereien vertraut gemacht
hatte, kam mir auf einmal die Idee, daß es so was eigentlich auch
von Nino geben müßte. Natürlich! Für 2006 hatte ich
ja schon einmal einen gemacht, der als Geburtstagsgeschenk für unsere
Mitbewohnerin Susanne Lorenz gedacht war. Auflage: 1 Stück. Nur hatte
ich in diesem Jahr erst einen einzigen Auftritt gesehen, nämlich am
Gemeinschaftsjubiläum – und meine Fotos von dieser Veranstaltung waren
außerdem nicht unbedingt eine Meisterleistung.
Ich brauchte also gute Fotos von
Nino... Aber wo sollte ich die so schnell herkriegen, wo kein Auftritt
in erreichbarer Entfernung zu erwarten war??? Ich bat Ina, sie möge
Nino doch mal bitte vorsichtig fragen, ob er sich eventuell vorstellen
könnte, sich außerhalb eines Auftritts von mir ablichten zu
lassen. Allzu viel Hoffnungen machte ich mir nicht, aber fragen kostet
ja erstmal nichts. Aber Nino fand die Idee offensichtlich auch ganz toll
und war sofort bereit, sich meiner Kamera zur Verfügung zu stellen.
Ich war begeistert! Jetzt mußte
nur noch ein Termin gefunden werden, was nicht ganz so einfach war. Schließlich
sollte der Kalender ja noch für 2007 sein und nicht schon für
2008. Wir einigten uns schließlich auf den 16. Oktober und auf Mallorca
als „Location“, weil Nino das am besten paßte. So buchte ich dann
1 Woche vorher eine Last-Minute-Reise von insgesamt 7 Tagen, und ehe ich
mich versah, saß ich im Flugzeug.
Da ich Mallorca nicht kannte, habe
ich erst einmal 4 Tage lang nach „Kulissen“ gesucht, die meiner Meinung
nach zu Nino paßten. Ich mietete mir ein Fahrrad und ein Auto und
erkundete die Gegend. Vor allem suchte ich das „Zimmer mit Aussicht“, ein
möglichst heruntergekommenes Haus, aus dessen Fenster Nino hoffnungsvoll
gucken sollte. Gar nicht so einfach. Am letzten Tag habe ich es dann in
einem kleinen Ort namens Cala Blava entdeckt, mit Graffiti vollgesprüht
und in einem verwilderten Grundstück – aber ansonsten in einer sehr
zivilen Gegend. Jetzt müßte ich nur noch Nino überzeugen
können, hier mit reinzugehen. Alleine hatte ich mich nicht getraut,
wer weiß, wer sich da vielleicht aufhält... Aber wenn wir zu
zweit sind... Na ja.
Abends im Hotel sichtete ich dann
die Fotos des jeweiligen Tages und überlegte mir, was sich besonders
gut als „Kulisse“ eignen würde. Die speicherte ich dann gesondert
unter „Locations“. Ganz schön anstrengend! Einmal war ich so müde,
daß ich beinahe mit dem Laptop auf dem Bauch eingeschlafen wäre
– lange vor meiner üblichen Schlafenszeit. Aber gleichzeitig habe
ich mich so gut gefühlt wie schon lange nicht mehr.
Am 5. Tag war ich dann mit Nino
verabredet. Er holte mich in einem quietschgrünen Opel Corsa, den
er sich im Leben nicht kaufen würde, vor meinem Hotel ab, und los
ging’s. Eigentlich wollte ich ihm noch meine „Locations“ zeigen, damit
er sagen konnte, was ihm besonders gut gefällt und was überhaupt
nicht. Er meinte aber, das täte nicht nötig, ich solle einfach
sagen, wo er hinfahren soll. Also spielte ich den Reiseführer und
lotste ihn dahin, wo ich es am interessantesten fand.
Wir begannen in Arenal. Dort gab
es einen Baum, der in eine alte Mauer hineingewachsen war – und entschieden
uns dafür, daß es „Herbst“ sein sollte. Schließlich hatte
ich Nino noch mit einer Menge „Kleidervorschlägen“ bedacht. Ein Januar-Foto
im T-Shirt ist ebenso unpassend wie eins in dicker Lederjacke für
Juni. Außerdem durfte er nicht auf jedem Foto das gleiche anhaben.
Das ist langweilig. Zwar hatte er Inas eMail erst am Morgen gesehen, und
sein „Kleiderschrank“ auf Mallorca war den sommerlichen Temperaturen angepaßt,
aber er hatte alles mitgebracht, was er auf die Schnelle so gefunden hatte.
Vor jedem Foto wurde also die Garderobe gewechselt – wenn wir es nicht
vergessen haben.
An einer Bucht ein paar hundert
Meter weiter war dann „März“, auf dem Grundstück einer verlassenen
Finca „April“ und „Juni“ – und das „Zimmer mit Aussicht“ ziert jetzt den
Mai. Letzteres war sicherlich die abenteuerlichste Station. Ich frage mich
immer noch, ob dieses kleine Gebäude eigentlich jemals bewohnt gewesen
ist, denn es hatte weder Türen noch Fenster, nur Rahmen. Innen lagen
ein Haufen Scherben aus denen noch ein altes Klo herausguckte, Rohre, ein
umgekippter Schrank, etwas, das so aussah, als sei es mal ein kleiner Boiler
gewesen, und wer weiß was sonst noch für Seltenheiten. Die Wände
waren reichlich mit Graffiti verziert – und irgendwie war es hier schon
richtig cool. Dieses Haus hatte Atmosphäre – hier hätte ich mich
auch gerne noch etwas länger umgesehen. Und als Kulisse für Fotos
war es wirklich überaus lohnenswert. Hier entstand sogar das spätere
Titelbild.
Zum Mittagessen fuhren wir dann
nach Palma, wo auch alle weiteren Fotos (außer August) entstanden
sind. Es war übrigens gar nicht so einfach, ein passendes Restaurant
zu finden, denn in den belebten Straßenlokalen saßen für
Ninos Geschmack zu viele Touristen, und er hatte keine Lust, von allen
Seiten angestarrt und gemustert zu werden. Auch auf Mallorca passiert es
ihm relativ häufig, daß die Leute ihn erkennen – und sogar in
seinem Beisein lauthals darüber diskutieren, ob er es wohl wirklich
ist oder jemand, der nur so aussieht... Das wollte er sich gerne ersparen,
und so fanden wir nach einigem Suchen in einer etwas abgelegenen Gasse
eine kleine gemütliche Pizzeria, in der offensichtlich vor allem Einheimische
verkehren. Sie diente uns dann gleichzeitig als Kulisse für das November-Bild.
Kurz vor dem Essen hatte ich noch
eine Zeitung besorgt, weil ich fand, daß sich eine solche als Beiwerk
auf einem Foto ganz gut machen würde. Da ich sowieso schon mit zwei
Kameras und diversen Taschen behängt war, nahm Nino das Blatt selbst
in die Hand – mit der Folge, daß es auf mindestens 5 verschiedenen
Motiven im Bild gelandet ist, ohne daß wir darüber nachgedacht
haben. Ich habe mir anschließend an den Kopf gefaßt. Schließlich
kann Nino auf einem Kalender nicht jeden Monat die selbe Zeitung in der
Hand haben... Wie sieht das denn aus?! So sind dann einige Motive allein
aus diesem Grund für die Auswahl von vornherein ausgeschieden... Beim
nächsten Mal werde ich darauf sicher aufpassen. Dafür wird dann
wohl eine andere Panne passieren. Aber natürlich sind alle Fehler
gewollt. Das sei an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich betont
;-)
Gegen 16.00 Uhr waren wir dann mit
unserem Foto-Shooting fertig, und Nino setzte mich wieder vor meinem Hotel
ab. Ich ging dann sofort an die Bildauswahl und arbeitete fleißig,
um den Kalender in Rekordzeit fertigstellen zu können. Wie schon gesagt,
er sollte ja noch für 2007 gelten, und die Druckerei brauchte ja auch
noch mindestens 14 Tage Zeit. Als ich dann am 18.10. wieder ins Flugzeug
stieg, war er bereits in der Rohfassung fertig. Zu Hause in Deutschland
habe ich dann noch ein paar Feinarbeiten vorgenommen: Weichzeichner für’s
Gesicht, Scharfzeichner für die Augen, Aufheller für zu dunkle
Schatten und Abdunkler für Stellen, die ein bißchen zu hell
geraten waren. Nebenbei habe ich noch ein kleines Stück Mauer virtuell
versetzt, einen Laternenpfahl umgesägt, ein paar Stromkabel gekappt
und eine Hand, die ein Gitarrenspieler leichtsinnig hinter Ninos Rücken
ins Bild ragen ließ, entfernt.
Dann mußte Nino noch „nicken“,
schließlich war es sein Gesicht, das ich da „gebraucht“ hatte. Und
am 25.10. konnte ich die fertigen Daten dann in die Druckerei bringen.
Dort wurde ich vom Chef persönlich beraten. 10 Tage später fuhr
ich noch einmal hin, um die ersten Drucke zu begutachten. Dann wurden die
Maschinen gestartet. Nebenbei bekam ich noch eine Führung durch die
Druckerei und der Druckermeister erklärte mir den Weg, den meine Daten
von der Anlieferung bis zur Fertigstellung nehmen müssen. Zunächst
werden sie im Computer eingelesen und so bearbeitet, daß daraus Druckplatten
hergestellt werden können. Auf diese Metallplatten wird dann das Bild
aufgelasert. Dann werden sie in die eigentliche Druckmaschine gelegt, in
der dann auf großen Walzen das Papier an ihnen vorbeiläuft.
Wenn alle Seiten gedruckt sind, trocknen sie ca. 2 Tage und werden dann
zusammengetragen. Das heißt, daß die Mitarbeiter 500x an diesen
Blätterstapeln vorbeigehen müssen, weil die Blätter alle
per Hand in die richtige Reihenfolge gebracht werden müssen. Anschließend
werden sie geschnitten, und es kommt eine Deckfolie drauf, eine Pappe drunter
und oben eine Ringbindung rein. Fertig.
Das war am 15.11. gegen 15.20 Uhr.
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