Nino
zu Gast bei Sandra Maischberger
TV-Interview vom 08.06.2004
Anmerkung: Zusammen mit Nino waren
drei weitere Gäste eingeladen, Maybritt Illner, Achim Menzel und Lothar
Vosseler. Nino war der erste Interviewpartner in der Sendung. Erläuternde
Kommentare finden sich in den Fußnoten am Ende des Interviews. Sie
sind durch Links mit dem Text verbunden.
Moderatorin: ... und
gleich zu Beginn ein Mann, dem als italienischem Gastarbeitersohn einfach
alles gelungen war. Er war ein Millionär, ein Star, sein Song "Jenseits
von Eden" ein Superhit. Seit 2 Tagen macht er Schlagzeilen
ganz anderer Art. Es ist eine Art von Lebensbeichte und darin geht es um
Absturz, es geht um Drogen und um Spielsucht und um lauter Dinge, die eher
jenseits vom Glück sind. Wir wollen darüber reden mit Nino de
Angelo. Herlich willkommen und guten Abend.
Nino: Schönen
guten Abend.
Modaratorin: Sie waren
18,
als dieser Song "Jenseits von Eden" ein Superhit wurde - 18 und wahrscheinlich
mit dem Gefühl, "die Welt gehört mir", oder?
Nino: So ungefähr
kann man's beschreiben. Es kam sehr, sehr überraschend. Ich glaub',
mit 16 hatte ich meinen ersten Plattenvertrag, und quasi nach kurzer Zeit
kam dann schon "Jenseits von Eden". 18 - 19... Ich glaub', ich
war gerade 19, als ich Nr. 1 war in Deutschland.
Moderatorin: Und wie
ist das dann? Hat man das Gefühl, die Welt gehört einem? Oder?
Nino: Schon, man denkt
schon irgendwie, man ist der größte. Das ist schon wahr. Aber
man bekommt das natürlich auch vom ganzen Umfeld so vermittelt. Man
wird also kaum kritisiert, wenn man Nr. 1 ist. Das find' ich schonmal irgendwie
im nachhinein ganz ... falsch.
Moderatorin: Angenehm?
Nino: Nein, unangenehm.
Ich find' das falsch. Und, wie gesagt, man hat mehr oder weniger quasi
nur Leute um einen herum, die einem auf die Schulter klopfen und sagen,
ist alles prima, was du machst, alles gut.
Moderatorin: Selbst
wenn man aus so einer Familie kommt, also Einwanderer, die hierher nach
Deutschland gekommen waren, um hier wirtschaftlichen Erfolg zu haben, also
Ihre Eltern. Sie sind als Gastarbeitersohn aufgewachsen in so einer kleinen
Gemeinde. Wie ist es denn dann, wenn man dann plötzlich so hoch schießt.
Gibt es dann nicht Eltern, die dann sagen, bleib auf dem Boden, Junge,
alles ist easy?
Nino: Nee. Also, meine
Eltern wußten ja eigentlich überhaupt nicht, was ich mache.
Ich bin nach Köln gekommen... Ich hab' also in diesem kleinen Ort
Bretten in Baden-Württemberg gelebt bis zu meinem 12. Lebensjahr,
und da war die Welt ganz anders. Und nach der Scheidung meiner Eltern...
Also, ich war 8, als meine Eltern sich scheiden ließen und 12, als
ich mit meiner Mutter nach Köln kam. Und das war 'ne ganz andere Welt.
Schon in der Schule war das, da wurde z. B. meinem Lehrer das Schlüsselbund
geklaut, oder Lehrer gingen in der Schule... Also, bei uns war das gar
nicht möglich, also, da herrschte noch Zucht und Ordnung, und die
Lehrer hatten das Sagen. Und da hatten die Schüler das Sagen, die
Lehrer hatten überhaupt nichts zu sagen. Das war mein 1. Schock in
der Großstadt. Und dann hat sich das dann mal... Also, meine Eltern
wußten eigentlich gar nicht... Sie dachten, ich ginge zur Schule.
Ich hab zwar gesagt, ich geh' zur Schule, aber ich ging nicht zur Schule,
sondern ich ging mich irgendwie tagsüber so 'n bißchen amüsieren,
weil ich abends oder nachts ja so spät noch in den Pianobars gesungen
habe schon - und ich auf Schule eigentlich gar keine Lust mehr hatte.
Moderatorin: Und dann
muß ein Tag gekommen sein, an dem eine Plattenfirma Ihnen einen Scheck
überreicht hat, auf dem drauf stand, 2,8 Mio DM...
Nino: Es war, glaub'
ich, nur 2,5 ...
Moderatorin: O. k.,
das sind riesen Unterschiede...
Nino: Immerhin! Das
war eben, als ich 19 war.
Moderatorin: Wahnsinn!
Was macht man mit so viel Geld, wenn man 19 ist?
Nino: Ich hab's ausgegeben.
Ich konnte eigentlich noch nie so richtig gut mit Geld umgehen. Ich hoffe,
ich lern' das... Wenn's mal wieder so weit ist, hab ich hoffentlich ein
bißchen mehr Übersicht. Da ich vorher nichts hatte, war das
für mich ein ganz neues Gefühl. Und was macht man mit so viel
Geld? Ich meine, als junger Italiener träumt man dann von einem Ferrari
und men träumt von was weiß ich, allem möglichen, und dann...
Moderatorin: Träumt
man nur, oder haben Sie sich dann 'nen Ferrari...
Nino: Nein, ich hab'
schon mit 16 Jahren von einem Ferrari geträumt und hab' ihn dann so
kurze Zeit später eben gekauft. Ich hatte schon riesen Träume.
Also, als ich nach Köln kam und wußte so langsam, ich mache
jetzt Karriere bzw. ich wollte Karriere machen und hab's dann ja
auch geschafft... Und dann hab' ich mir natürlich auch den Ferrari
gegönnt.
Moderatorin: Den ersten
von wievielen insgesamt?
Nino: ... von 4 insgesamt,
die ich hatte.
Moderatorin: Wozu braucht
man 4 Ferraris?
Nino: Na ja, ich hab'
mich irgendwann entschlossen, welche zu sammeln. Ich dachte, ech wer' jetzt
Sammler. Ich brauch' das Modell und das... So ein richtiger Ferrarist,
der muß mehrere Ferraris haben.
Moderatorin: Sagen
Sie, kann man das, was dann passierte, auf 'ne kurze Formel bringen, nämlich
Sex & Drugs & Rock 'n' Roll?
Nino: Ja, das kommt
halt dann dazu. Wenn man dann schon Ferrari fährt und dann in der
Szene verkehrt, also Schickeria, überall, wo sich, sagen wir mal,
die High Society bewegt, da waren Sex & Drugs & Rock 'n' Roll an
der Tagesordnung.
Moderatorin: Ist das
wirklich so? Also, man steht ja außen und denkt, junger Mann ist
sehr erfolgreich, und dann gerät der vielleicht in so Kreise... Und
dann, so jedenfalls lese ich es jetzt in der Zeitung, kommen irgendwie
Drogen ins Spiel. Wie können Sie erklären, wie das funktioniert?
Nino: Also, ich kann
Ihnen nur schildern, wie ich das gesehen hab'. Ich war ja bis zu meinem
ersten... Ich hab' mich die erste Zeit ja noch zurückgehalten. Ich
hab' das auch ganz, ganz periphär nur mitbekommen, und ich wußte
gar nicht, daß die Leute teilweise so fürchterlich drauf waren.
Also, ich hab' nur immer gedacht... Eigentlich hab' ich mir gar nichts
dabei gedacht, bis die ersten zu mir kamen und sagten, Mensch, du trinkst
nichts und machst nichts... Ich weiß noch, als ich irgendwann in
'ner Discothek stand und mir irgendjemand einfach 'ne Pille in den Mund
geschoben hat und gesagt hat, jetzt trink mal was. So. Das war mein Anfang
mit Drogen.
Moderatorin: Was war
das für 'ne Pille?
Nino: Irgend so 'ne
XTC oder sowas muß das gewesen sein.
Moderatorin: Also,
das war so 'ne Mischung aus Dazugehörenwollen und irgendwie "macht
man so als Star".
Nino: Ja. Man möchte
dazugehören und möchte einfach nicht nein sagen. Und irgendwann
ist der Alkohol natürlich ein wunderbarer... also, wie soll ich sagen,
der spült dann noch alle Zweifel dann zum Schluß auch noch weg.
Und dann ging das los mit den Drogen. Und die Hauptdroge war eigentlich
Kokain. Das war die Droge der Schönen und Reichen.
Moderatorin: Es gibt
doch 'ne Hemmschwelle. Man geht vermutlich mit irgendwelchen Menschen,
die man kennengelernt hat - und in dieser Zeit wurde ja wirklich sehr vile
Kokain konsumiert in diesen Kreisen... Aber irgendwann mal geht man dann
ja auf eine Toilette und dann liegt da eine Linie vor einem, und dann kriegt
man irgendwas in die Hand und soll das... Hatten Sie so 'ne Hemmschwelle,
oder dachten Sie, das ist einfach so?
Nino: Natürlich
hatte ich das. Als ich das erste Mal Kokain geschnupft habe, da hab' ich
gedacht, ... ich bin einfach mitgegangen, weil ich gedacht hab', du kannst
jetzt nicht sagen, daß du das nie gemacht hast. So... Das war damals
mein Einstieg. Ich dachte, ich muß das tun, um dazuzugehören,
es gehört sich hier so. Und so bin ich eigentlich da reingeschlittert.
Und ich muß sagen, am Anfang hab' ich mir auch überhaupt keine
großen Gedanken darüber gemacht. Aber mit der Zeit bekam ich
dann schon so meine Probleme, weil ich einfach ohne dieses Zeug gar nicht
mehr rausgehen wollte.
Moderatorin: Warum?
Also, was ist das, was einen süchtig macht? Ist das körperlich,
oder ist das eher im Kopf, daß man denkt man funktioniert nicht?
Nino: Körperlich
ist es nicht. Es ist nur im Kopf. Es ist im Kopf. Man wird unsicher. Man
hat gar keine Lust , erst irgendwie auf 'ne Party zu gehen, wenn das Zeug
nicht schon irgendwie organisiert ist. Und das ist eben 'ne Zeit gewesen,
die sich dann leider über 10 Jahre ausgebreitet hat bei mir.
Moderatorin: Obwohl
dazwischen ja auch solche Sachen waren wie Bundeswehr... Also, Sie mußten
ja irgendwann zur Bundeswehr. Dann haben Sie geheiratet, die Jugendfreundin.
Dann haben Sie das erste Kind bekommen. 'ne Tochter war das. Und da denkt
man doch immer, das sind doch eigentlich Dinge, die holen einen wieder
auf den Boden der Tatsachen zurück. Oder nicht?
Nino: Das wär'
schön gewesen, aber ich kam mit 22 zur Bundeswehr und hab' ja auch
gehofft, jetzt hast Du mal 'ne Auszeit. Das erste, was passiert, ist, bei
der Bundeswehr, daß ein Stubennachbar von mir eine Droge dabeihatte,
die hieß Pep.
Moderatorin: Pep.
Nino: Pep, ja. Das
ist reines Amphetamin.
Moderatorin: Also,
das macht einen munter.
Nino: Und dann ging
der ganze Mist von vorne los.
Moderatorin: Also,
in der Bundeswehr wird auch konsumiert?
Nino: In der Bundeswehr
direkt nicht. Aber der Stubenkollege, der meinte, hör mal, ich hab
gelesen, daß du... Damals stand da irgendwo schonmal was mit Drogen
drin. Und der sprach mich natürlich direkt an, und wir haben uns dann
privat mal getroffen und haben uns nicht da beim Bundeswehrdienst die Birne
zugeknallt. Das haben wir nicht gemacht.
Moderatorin: Und dann
kam ja irgendwann mal auch noch dazu: Geldschwierigkeiten. Also, daß
man sagte, Nino, der geht sehr häufig ins Casino, und der spielt auch
mehr als andere. Glauben Sie, das war so etwas, was so nahe an der Spielsucht
auch dran war? Also, wenn man von einer Sache abhängig ist, mancht
man sich auch schneller abhängig von 'ner anderen noch?
Nino: Ja, also das
hat bei mir das ganze Verhalten... Also, daß z. B. das bei mir mit
den Drogen auch so lange gedauert hat, das hat alles nur mit Sucht zu tun.
Ich bin dann... Also, ich hab' 'ne Veranlagung dazu, ich bin ein Sucht-Mensch.
Ich verfalle immer wieder in diese Sucht, auch beim Spielen. Ich spiele
gerne, Und es ist eigentlich auch nichts dabei, wenn man sich ein paar
hundert Euro oder wie damals, ein paar hundert Mark in die Tasche steckt
und mal ins Casino geht. Aber wenn man dann mit 10 - 20000 dahingeht, und
man will da den Kronleuchter abhängen, und man schafft es nicht und
dann wieder nach Hause fährt und dann neues Geld holt und diesem Verlust
hinterherrennt, und das über Jahre... Das hat schon was mit Sucht
zu tun.
Moderatorin: Und Sie
sagen, wenn Sie so ein Typus sind, oder wenn das so 'ne Veranlagung ist,
da kann man einfach nauch nicht bremsen. Wie kommt man dann da raus?
Nino: Das ist sehr
schwierig. Das hab' ich mich auch sehr oft gefragt. Ich bin ja auch jemand,
der über den ganzen Mist, den ich damals gebaut habe... Ich hab' mir
sehr viel Gedanken gemacht, aber irgendwie kam ich nicht weg davon. 'ne
Zeit lang vielleicht, aber es gab halt immer wieder Rückfälle.
Und das war, wie soll ich sagen, wie bin ich da rausgekommen? Eigentlich
bin ich erst rausgekommen, als ich meinen Krebs bekam. Also, ich sag' jetzt,
"mein Krebs", weil... Als ich krank wurde.
Moderatorin: Also,
das war Lymphdrüsenkrebs. Da waren Sie, glaub' ich, 33 Jahre alt.
Nino: Ja, 32.
Moderatorin: Also,
wenn ich das zusammenrechne, was Sie vorher so erzählt haben, und
dann kriegt man noch die Diagnose Krebs, könnte man sich denken, jetzt
ist das Ende gekommen.
Nino: Genau das hab'
ich auch gedacht. Ich hab' gedacht, das ist jetzt die Strafe dafür,
daß du dein Glück und dein Leben und alles Gute, was man dir
gegeben hat oder was, mit Füßen getreten hast. Das ist jetzt
die Quittung. Und jetzt... Und dann hatte ich auch natürlich Angst
davor, weil, ich hatte mich mit Krebs nie beschäftigt, das nicht zu
überleben. Ich dachte, ich muß sterben, also, das war's.
Moderatorin: Hat es
auch aber trotzdem das Leben gedreht? Also, in dem Sinne von...
Nino: Die Krankheit
hat total mein Leben gedreht. Ich hatte ja schon kurz davor, ich muß...
also, bevor ich erkrankt bin an Krebs, schon 'n halbes Jahr vorher eigentlich
alles zurückgefahren. Ich hab' wirklich vernünftig gelebt. Und
das war ja gerade das, was ich nicht verstanden hab'. Wo ich gedacht hab',
jetzt hast Du 'n halbes Jahr... und ich fühlte mich wunderbar! Und
ich hab' angefangen, Sport zu machen, ich nahm auch keine Drogen, ich hab'
aufgehört zu rauchen, ich hab' nicht gespielt, ich hatte eigentlich
'n sehr gutes Familienleben auch zu der Zeit, und dann...
Moderatorin:
... kam die Diagnose.
Nino: ... kam auf einmal
der Krebs. Und da hab' ich gedacht, das ist doch jetzt gemein. Du hast
freiwillig aufgehört mit dem ganzen Mist, und jetzt kriegst du Krebs.
Und im Prinzip sehe ich das... Eigentlich war der Krebs noch 'ne zusätzliche
Unterstützung, um nicht wieder rückfällig zu werden. In
dieser Zeit, in der ich Krebs hatte, hatte ich natürlich wunderbar
Gelegenheit, nachzudenken, um mich überhaupt mit meinem ganzen Leben
mal auseinanderzusetzen. Aber dadurch kaman natürlich auch ganz andere
Dinge hoch.
Moderatorin: Ja, aber
man muß ja erstmal sagen, also der Krebst ist erstmal üb erwunden,
oder er ist ganz überwunden. Ich glaub', es gibt so Fristen, wenn
man die hinter sich hat, fünf und sieben Jahre, und wenn man die hinter
sich hat, ohne daß irgendwas wieder gekommen ist, kann man eigentlich
sagen, es ist vorbei. Haben Sie trotzdem noch Angst, oder glauben Sie für
sich, oder haben Sie das Gefühl, ausgestanden?
Nino: Die Angst ist
immer da. Also, ich weiß, daß ich nicht mehr an Lymphdrüsenkrebs
erkranken werde. Das haben mir auch die Ärzte gesagt. Also, wenn man
da einmal so heftig bestrahlt wurde, da kommt nichts mehr in der Richtugn,
aber man kannt ja die Symptome, auf die man eigentlich achten muß,
irgendwie, also, Nachtschweiß und Gewichtsverlust und wenn man innerhalb
von 2 Tagen 3 - 4 kg ab-/zunimmt, das hab' ich sehr häufig, ja. Und
wenn ich nachts schwitze, ist es für mich morgens das schlimmste,
was es gibt. Das erinnert mich immer daran. Aber das kann auch streßbedingt
sein. Das können auch andere Dinge sein. Aber die Angst ist immer
da, daß es wieder zurückkommen könnte. Also, so ganz weg
kriegt man das nicht.
Moderatorin: Also,
in der Zeit, in der Sie nachgedacht haben, warum Ihnen alles so passiert
ist oder warum Sie so sind wie Sie sind, haben Sie 'ne Antwort gefunden?
Ich glaub', Sie haben auch 'ne Therapie dann gemacht, um 'ne Antwort zu
finden.
Nino: Ich war lange
in Therapie. Angefangen... Also, ich bin zunächst in die Therapie
gegangen wegen meinen Drogen und wegen meiner Spielsucht, wegen meiner...
überhaupt dieser ganzen Selbstzerstörungswut. Das wußte
ich aber nicht, daß es Selbstzerstörungswut war, das hab' ich
erst in der Therapie festgestellt. Da ist sehr, sehr viel aufgearbeitet
worden. Und über eine Sache ist mehr Klarheit gewonnen, die mir vorher
gar nicht so bewußt war. Ich hatte einen Bruder, bevor ich zur Welt
kam. Ich kann nicht genau sagen, wie alt, also 3 - 4 Jahre vor mir, also,
es war nicht in der Zeit, als meine Eltern in Italien lebten. Das war sehr
schwer rauszufinden, wie der... Also, die offizielle Sprachregelung zu
Hause... also, als Kind hat man mir immer gesagt, also, du hattest einen
Bruder, und der war krank, der ist irgendwie... Fieber, und dann war der
auf einmal...
Moderatorin: ... gestorben.
Nino: ... ist gestorben.
Das ist aber nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist, daß er durch 'nen
tragischen Unfall ums Leben gekommen ist - tragischer Unfall insofern,
daß er wahrscheinlich meiner Oma aus der Hand geglitten ist und gefallen
ist und tot war.
Moderatorin: Aber das
wußten Sie nicht. Das haben Sie jetzt erst rausgefunden. Das heißt
also, die Familie hat darüber nicht geredet.
Nino: Die Familie hat
darüber nicht geredet. Meine Mutter hat darüber nicht geredet.
Der einzige, der mir ein bißchen Einblick da gegeben hat bzw. der
einzige, der es irgendwann in einer Art... in einer richtig wütenden
Art gesagt hat, der gesagt hat, dein Bruder ist... deine Oma hat deinen
Bruder fallen lassen, das war mein Vater. Und ich weiß, es ist ganz,
ganz schwer, da irgendwas rauszukriegen über diese ganze Geschichte.
Moderatorin: Es fällt
Ihnen auch nicht ganz leicht, darüber zu sprechen, habe ich das Gefühl.
Nino: Nee, für
mich ist es überhaupt nicht leicht, weil... es bringt mich immer...
ich gerate immer aus der Fassung, wenn ich darüber nachdenke, weil
es so viele Dinge gibt, die ich gerne wissen würde.
Moderatorin: ... über
ihn.
Nino: Über ihn.
Ob... Das fängt beim Geburtsdatum an, wo er begraben liegt und so.
Moderatorin: ... wissen
Sie alles nicht.
Nino: Alles. Man gibt
mir einfach keine Auskunft darüber. Und man sagt, das wissen wir selber
nicht mehr. Und das find' ich das schlimmste. Und ich werde meinen Bruder
nie begraben können, wenn ich das nicht erfahre.
Moderatorin: Was hat
das jetzt eigentlcih mit der Geschichte, die Sie vorher erzählt haben,
zu tun? Also, Sie haben ja gesagt, Sie haben in der Therapie vieles erfahren,
u. a. auch diese Geschichte auch des Bruders. Ich glaube, der 2. Vorname,
die Sie haben...
Nino: Nein, mein kompletter
Name ist der Name meines Bruders.
Moderatorin: Domenico
Gerhard...
Nino: Nein, Gerhard
nicht. Gerhard ist das einzige... Domenico Gorgoglione. Das ist der Name
meines Bruders.
Moderatorin: Also,
er hieß Domenico, und Sie heißen Domenico Gerhard.
Nino: Ich heiß'
Domenico Gerhard.
Moderatorin: Aha. Aber
was hat diese Geschichte - glauben Sie - mit Ihrem Leben heute zu tun?
Nino: Das hat sehr,
serh viel mit meinem Leben zu tun, weil ich das Gefühl hatte oder
immer... ja, immer das Gefühl hatte damals oder teilweise heute auch
noch, daß ich das... diesen ganzen Erfolg... Ich hab' immer alles
zerstört, was ich aufgebaut habe. Ich hab' ein Problem mit dem Annehmen.
Ich kann... Ich denke, daß ich nur ein Ersatz bin und daß es
mich vielleicht gar nicht gäbe, wenn mein Bruder gelebt hätte.
Und damit mußte ich mich auseinandersetzen, daß es nicht so
ist. Ich mußte erstmal lernen, daß ich leben will.
Moderatorin: Also,
im Prinzip eine Hypothek, die man bekommt, bevor man geboren wird, von
der man nichts weiß, aber die so in das Leben hineinstrahlt. Aber
das muß doch daran auch gelegen haben, daß die Eltern vermutlich
miteinander auch nicht klargekommen sind, also mit der Situation.
Nino: Meine Eltern
sind mit Sicherheit überhaupt nicht damit klargekommen. Sie haben
damals das Land eigentlich wegen diesem Vorfall verlassen und sind nach
Deutschland. Deswegen bin ich in Deutschland geboren. Und ich weiß,
daß es da auch ziemlich... Vielleicht war das auch der Grund, warum
sich meine Eltern dann auch nicht mehr verstanden und... Man weiß
es nicht. Meine Eltern kommen ja heute nicht damit klar. Ich sehe, glaube,
daß meine Mutter darunter noch sehr, sehr leidet - und mein Vater
auch. Und... Aber es wurde einfach unter den Tisch gekehrt irgendwie, und
das ist... Und das ist sehr schwierig. Ich glaube,... ich kann darüber
mit ihnen nicht reden, weil sie nicht darüber reden wollen. Und ich
will ihnen da nicht... Ich will nicht irgendwelche Wunden da aufreißen.
Moderatorin: Aber Sie
schreiben gerade. Sie schreiben gerade im Prinzip Ihre Lebensbilanz bisher,
so eine Autobiographie mit dem Titel "Um Kopf und Kragen". Kommt das
darin vor, und warum ist der Titel so? Haben Sie das Gefühl, Sie haben
schon um Kopf und Kragen gelebt, oder was ist das?
Nino: Ja, natürlich.
Ich schreibe dieses Buch, damit man vielleicht ein bißchen mehr Einblick
in die wahren Gründe für meine Abstürze, für meine
Exzesse bekommt. Es ging wirklich um Kopf und Kragen. Das ist mein ganzes
Leben, an der Schwelle... Auf den Schwingen des Todes... klingt jetzt 'n
bißchen... aber o. k., so ist es aber teilweise auch gewesen, weil
ich mich einfach nie entscheiden konnte, will ich leben oder will ich sterben.
Moderatorin: Wissen
Sie jetzt.
Nino: Das weiß
ich, ja.
Moderatorin: Sie haben
jetzt in dieser Situation - und das finde ich außergewöhnlich
- eine CD gemacht, die ist jetzt rausgekommen. Und zwar singen Sie nur
italienische Lieder: Un momento italiano. Paar meiner Lieblingslieder sind
drauf, Adriano Celentano z. B.. Einerseits sehr fröhlich, andererseits
denkt man aber auch, ist das jetzt zurück zu den Wurzeln? Warum ausgerechnet
dieses Projekt in der Situation, wo Sie auch nochmal so die Familiengeschichte
aufgearbeitet haben?
Nino: Ja, also, ich
hab' einfach einen unheimlichen... Es zieht mich einfach an, dieses italienische
Ding. Und je älter ich werde, desto italienischer werde ich, hab'
ich das Gefühl.
Moderatorin: Ich hab's
gerade auch im Gesicht gesehen. Sie kriegen gerade so leichte kleine Züge...
(verzieht das Gesicht) - Mimik, ja.
Nino: (lacht) Und es
war eigentlich immer schon mein Wunsch, ein komplettes Album auf italienisch
zu machen. Gerade mit den ganzen Songs, die ich selber als Kind schon gehört
habe und die man auch in Deutschland eigentlich alle kennt. Das sind alles
Hits, die in Deutschland jeder kennt. Und in dieser Zusammenstellung, wie
ich es jetzt gemacht habe, gibt's sie nicht. Man müßte, glaub'
ich, 10 CDs kaufen, wenn man die ganzen Songs so aufeinander haben wollte,
und es macht mir eigentlich unheimlich Spaß, italienisch zu
singen. Ich denke, daß das jetzt die richtige Richtung ist, meiner
Karriere jetzt noch einmal 'nen richtigen Schub zu geben. Ich fühle
einfach...
Moderatorin: ... es
paßt.
Nino: Es paßt
zu mir so, wie ich heute bin. Es paßt einfach zu mir, ja.
Moderatorin: Es kommt
zur richtigen Zeit, weil es ist, wie ich finde, eine Sommer-CD. Also, es
ist völlig unbeschwert, also, es ist genauso dieses Gefühl, also,
wer nicht in Urlaub fahren kann, reicht, wenn man sich das anhört,
dann ist er schon irgendwie da. Steckt es Sie auch an? Also, werden Sie
jetzt auch nach dieser ganzen schweren Zeit, die Sie jetzt hinter sich
gebracht haben, auch der Läuterung, auch der Krankheit, die überwunden
ist... Haben Sie jetzt das Gefühl, Sie sind jetzt ein fröhlicherer
Mensch geworden? Insgesamt ausgeglichener, ruhiger, erwachsener?
Nino: Ja, ich bin ausgeglichener,
ruhiger auf jeden Fall. Aber, wie soll ich sagen, ich hab' trotzdem noch
Angst immer noch nach wie vor, daß... Wenn man 'ne Zeit lang so exzessiv
gelebt hat, ist immer noch trotzdem... Es kann immer wieder passieren,
daß sowas ist, wie ein Alkoholiker. Solche Rückfälle können
passieren, davon habe ich Angst, aber ich merke, daß ich sehr, sehr
gefestigt bin und sehr stark. Und die ganze Arbeit macht mir so 'nen riesen
Spaß, und das ist auch ein ganz , ganz wichtiger Punkt für mich,
warum ich eben meinem Leben positiv gegenüberstehe.
Moderatorin: Sie sehen
auch toll aus. Also, ich finde, Sie sehen besser aus als damals, als ich
den Hit gehört habe, "Jenseits von Eden".
Nino: Danke.
Moderatorin: Ich danke
sehr (es folgen weitere Gäste)
Anmerkungen:
1) Sandra Maischberger
spielt hier auf die Berichte in der BILD-Zeitung an, die ab 05.06.2004
zum Promoten von Ninos am 07.06. erschienenen Albums "Un momento italiano"
erschienen sind.
2) "Jenseits von
Eden" erschien am 01.11.1983. Da Nino am 18.12.1963 zur Welt kam, war er
zu diesem Termin nach Adam Riese bereits knapp 20 Jahre alt.
Nach Gehör aufgeschrieben von
Heide Pinkall